"… Da half mir eines Tages im Jahr 1940 wieder eine zufällige Beobachtung. Die Schwester jenes Bochumer Ingenieurs, dessen Geruchs- und Geschmacksverlust ich heilen konnte, litt an einer äußerst schmerzhaften Kapselarthritis des linken Schultergelenks. Etwa 1/2 Jahr lang hatte man in einer ausgezeichneten Breslauer Klinik alle in solchem Falle möglichen Versuche unternommen, diese Krankheit zu heilen. Spritzen, Pillen, Massagen, Wärme, Bestrahlung – nichts nutzte. Auch an einen Fokus hatte man gedacht und verdächtige Mandeln und Zähne entfernt, ebenfalls ohne Erfolg. Da aber die ungewöhnlich heftigen Schmerzen ein Resignieren nicht zuließen, trag man sich mit dem Gedanken, den rechten Unterschenkel zu amputieren, in dessen Schienbein vor 30 Jahren eine Osteomyelitis operiert worden war. Nach der Operation war es für viele Jahre gut gegangen. Aber in den letzten 5 Jahren war es alljährlich zu einem kurzen entzündlichen Aufflackern im Operationsbereich gekommen. In der Regel pflegten einige Tage Hochlage und feuchte Umschläge den entzündlichen Schub zu beseitigen. Die Erfolglosigkeit jeglicher Therapie des Schultergelenks ließ nun schon in Breslau die Vorstellung aufkommen, daß in diesem operierten Schienbein möglicherweise der streuende Herd zu erblicken sei, von dem die Schultergelenkserkrankung ausgehen könnte.
Man weiß, wenn auch noch nicht allgemein, daß Antibiotica bei solchen angeblich streuenden Herden niemals zur Beseitigung der Fernstörungserkrankung führen. Man sollte diese Feststellung nicht einfach überlesen. Auch sie trägt bei zu der Erkenntnis, daß die heute in der ganzen Welt herrschende Vorstellung der Wissenschaft, nach der ein Fokus durch Streuung von Bakterien Fernstörungserkrankungen zur Folge hat, nicht richtig sein kann. Die Größe der Schmerzen und die Unmöglichkeit, sie mit anderen Mitteln zu beseitigen, rechtfertigten in vorliegendem Falle auch einen heroischen Eingriff, wie er in ähnlich gelagerten Fällen von VEIL, Jena, mehrfach mit Erfolg durchgeführt wurde. So, wie man den Mandelfokus und den Zahnfokus bereits entfernt hatte, wollte man in gleicher Weise den Schienbeinfokus entfernen, und das bedeutete, den Unterschenkel zu amputieren. In dieser Situation fragte mich der Bruder, ob auch ich das für richtig hielte. Ich hielt es für richtig, zunächst einmal einen Versuch mit der Neuraltherapie zu machen, u. zw. nach den Erkenntnissen, die ich bis dahin erworben hatte, also nach dem Prinzip der Segment-Therapie.
Ich spritze das Impletol intravenös, ans Gelenk und ans Ganglion stellatum, ohne daß die geringste Änderung der Schmerzen beobachtet wurde. Deshalb lehnte ich also eine Weiterbehandlung als sinnlos ab. Bezüglich der Aussichten einer Amputation erklärte ich mich für nicht kompetent. Aber es kam glücklicherweise nicht soweit.
Nach 14 Tagen erschien die Patientin noch einmal in meiner Sprechstunde, zeigte mir ihr Schienbein in leicht entzündlichem Zustand und fragte mich, ob ich nicht wenigstens das in Ordnung bringen könne. Das war eine ganz andere Aufgabe. Es galt also die tiefliegende Entzündung im Schienbein über das Segment zu beseitigen. Zu diesem Behufe machte ich 5 oder 6 Quaddeln in die alte Operationsnarbe. Als die Patientin aufstand, war das Schultergelenk der anderen Seite vollkommen schmerzfrei und beweglich. Das war eine so absonderliche Beobachtung außerhalb des Rahmens jeder bisherigen Denkmöglichkeit, daß man es wohl verstehen kann, wenn selbst aufgeschlossene Forscher sich darüber mit der Phrase "Suggestion" hinwegtäuschen. Aber warum wirkte die viel eindrucksvollere Injektion an das Ganglion stellatum nicht suggestiv zu einer Zeit, als die Patientin noch voller Hoffnung war, daß ich ihr ebenso helfen würde, wie ich ihrem Bruder geholfen hatte? Im Gegenteil, ich hatte ihr erklärt, daß sie nicht wiederkommen solle, weil ich ihr nicht helfen könne. Sowohl die Kranke als auch ich selbst erwarteten von dem neuen Versuch bestenfalls eine Beseitigung der chronisch-rezidivierenden Entzündung im operierten Schienbein. …"
aus: Ferdinand Huneke: Das Sekundenphänomen. Ulm 1961. Hier zitiert nach der sechsten Auflage 1989.